Ich freue mich so! Endlich sind sie erschienen: die Kalendergeschichten – Mit dem Leiermann durchs Jahr. 365 + 1 Kulturgeschichte für jeden Tag im Jahr. 36 Autor*innen haben für diesen immerwährenden Kalender über Kunst, Musik, Geschichte, Literatur, Brauchtum und Kulinarik geschrieben. Einige “Kalenderblätter” sind auch von mir z. B. der 6. Juni, der Geburtstag von Künstler Peter Lenk, dessen Imperia sich in der Konstanzer Hafeneinfahrt dreht. 

6. Juni: Konstanz oder Trient? Hauptsache Konzil!

Seit 1993 steht in der Konstanzer Hafeneinfahrt eine 10 Meter hohe und 18 Tonnen schwere Skulptur aus Gussbeton: die Imperia.  Auf dem Pegelturm dreht sie sich in wenigen Minuten um ihre eigene Achse. Die leichtbekleidete und kurvenreiche Frau hat auf ihren Händen zwei Männchen sitzen, nackt und mit Narrenkappen auf dem Kopf. Sie stellen symbolisch Papst und König dar und spielen auf das Konzil von Konstanz (1414–1418) an. Obwohl die Entrüstung über die Aufstellung der Statue zunächst groß war, avancierte die Imperia bald zum Konstanzer Wahrzeichen. Schöpfer der Figur ist der Künstler Peter Lenk, der am 6. Juni 1947 in Nürnberg geboren wurde, aber seit vielen Jahren am Bodensee lebt.
Die historische Imperia (1481/1486–1513) war eine schöne, reiche und gebildete Kurtisane im Rom der Renaissancezeit, die zu Lebzeiten von vielen umschwärmt und begehrt wurde. Nach ihrem frühen Tod inspirierte sie Maler und Schriftsteller: Raffael (1483-1520) soll der griechischen Dichterin Sappho, die auf seinem Gemälde Parnass im Vatikan zu sehen ist, die Gesichtszüge von Imperia verliehen haben, und dem französischen Schriftsteller Honoré de Balzac (1799-1850) diente sie als Vorbild für seine Kurzgeschichte La belle Imperia. Die erzählt von der schönen Kurtisane Imperia, die sich während des Konstanzer Konzils in der Stadt aufgehalten und weltlichen wie geistlichen Männern den Kopf verdreht hat:

[Imperia war die,] die es am besten verstand, die Kardinäle um den Finger zu wickeln, sowie die wilden Leuteschinder und Volksbedrücker vor ihren Wagen zu spannen. Die besten Kapitäne, Bogenschützen und Kavaliere standen ihr zu Diensten, und eines ihrer Worte genügte, damit sie ihre Rächer wurden. […] Bis auf die hohen Kirchenfürsten, […] ließ sie alle nach ihrer Peitsche tanzen, so reizend war ihr Geschwätz, so leicht verführte und umgarnte sie selbst die Tugendhaftesten mit ihrer Liebesgunst und ihrer Glut.

Honoré de Balzac,  Die schöne Imperia, in: Die tolldreisten Geschichten. Klagenfurt 2005, S. 19.

 In der Geschichte erhält sie Besuch vom Bischof von Chur und vom Kardinal von Ragusa, aber schließlich erwählt sie keinen hohen Kirchenfürsten, sondern Philipp, einen jungen Mönch.
Erschienen ist die Geschichte, die Peter Lenk als literarische Vorlage für seine Skulptur diente, in Les contes drôlatiques, den Tolldreisten Geschichten. Zwischen 1832 und 1837 veröffentlicht Balzac drei Teile der Contes drôlatiques mit je 10 Geschichten. Ursprünglich sollten es 100 Erzählungen werden, doch bereits die Teile vier und fünf blieben unvollständig. Die kurzweiligen Geschichten erzählen von der französischen Oberschicht im Spätmittelalter und sie beginnen und enden mit der schönen Imperia. Die erste Geschichte spielt – wie schon erwähnt – auf dem Konzil von Konstanz, die zweite, La belle Imperia mariée, in Rom und Frankreich und endet tragisch für die Schöne.

Ursprünglich hatte Balzac als Handlungsschauplatz das Konzil von Trient (1545–1563) vorgesehen, aber sein Verleger bestand – aus unbekannten Gründen – darauf, die Geschichte auf dem Konzil von Konstanz anzusiedeln. Zum Glück! Ansonsten könnten wir die Imperia wahrscheinlich heute nicht am Konstanzer Hafen bewundern. 

Zum Weiterlesen

Frey, Daniela, Hirt, Claus-Dieter: Französische Spuren in Konstanz. Ein Streifzug durch die Jahrhunderte. Konstanz 2011.
Lenk, Peter: Skulpturen. Konstanz 20217
Lenk, Peter:  Imperia Konstanz: Eine tolldreiste Geschichte, Konstanz 2023.
Weidhase, Helmut: Imperia. Konstanzer Hafenfigur. Konstanz 20073

Mehr zum Kalenderbuch

365(+1) kulturgeschichtliche kurze Essays für jeden Tag des Jahres, in Form eines immerwährenden Kalenders, der die Leser*innen auf informative und abwechslungsreiche Art durch das Jahr begleiten wird.
Bekanntes, Bedeutendes, Unbekanntes, Vergessenes und auch Anekdotisches wurde von mehr als 30 Autor*innen gesammelt und zu einem kulturgeschichtlichen Reigen aus der Welt der Kunst, Musik, Geschichte, Literatur, des Brauchtums und (ja sogar) der Kulinarik zusammengefügt. Kulturgeschichte(n) – mitreißend, erstaunlich, aufschlussreich, traurig, spannend – und manchmal einfach nur amüsant…

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