Mary Beard: Frauen & Macht. Ein Manifest

Die abendländische Kultur ist seit Jahrtausenden geübt darin, Frauen den Mund zu verbieten.

Frauen & Macht, S. 10

Diese These stellt die Althistorikerin Mary Beard in ihrem Buch Frauen & Macht auf.

Auch heute noch finden die Worte von Frauen häufig deutlich weniger Gehör, als die von Männern und sie werden in Machtpositionen als Störenfriede wahrgenommen. Warum das so ist und welche kulturellen Muster dahinterstecken, beleuchtet die Autorin in ihrem Buch. Frauen & Macht besteht aus den beiden Essays Die öffentliche Stimme der Frauen und Frauen an der Macht. Grundlage der Aufsätze sind zwei Vorträge, die Mary Beard 2014 und 2017 im Rahmen der LRB Winter Lectures in London gehalten hat.

Um was geht es?

Die öffentliche Stimme der Frauen

In Die öffentliche Stimme der Frauen untersucht Mary Beard die Gründe, warum Frauen in unserer heutigen Kultur und im politischen Leben häufig noch immer überhört werden. Die Autorin geht dabei zurück in die Antike, zu den ältesten Dichtungen der abendländischen Literatur: Bereits in der Odyssee von Homer findet sie eine aufschlussreiche Szene, in der der junge Telemachos seiner Mutter Penelope den Mund verbietet und sie darauf hinweist, dass die Rede Sache der Männer sei.

Die Autorin zeigt anhand weiterer Beispiele aus der griechischen und römischen Literatur, wie Frauen von der öffentlichen Rede ausgeschlossen wurden. Der Grieche Aristophanes verfasste beispielsweise im 4. Jahrhundert v. Chr. eine Komödie, die hervorhebt, dass Frauen nicht in der Lage sind, sich in der Öffentlichkeit sinnvoll zu äußern. Einige Jahrhunderte später bringt der Römer Ovid in seinen Metamorphosen verschiedene Frauen durch Verwandlung zum Schweigen. So wird Io von Jupiter in eine Kuh verwandelt, die nur noch muhen kann und die Nymphe Echo hat keine eigene Stimme mehr, sondern kann nur noch die Worte anderer wiederholen.

Frauen und öffentliche Rede

Forum Romanum in Rom.
Forum Romanum in Rom
Hier machten Männer während der Römischen Republik Politik

In der griechischen und römischen Antike hatten Frauen wenig Rechte. Sie durften nicht wählen, waren an der Politik nicht beteiligt und besaßen kaum wirtschaftliche und gesellschaftliche Unabhängigkeit. Frauen, die in der Öffentlichkeit die Stimme erhoben, begegnete man mit großer Abneigung, da die öffentliche Rede den Männern der Elite vorbehalten war. Die öffentliche Rede galt als exklusive Fähigkeit, die Männlichkeit als soziales Geschlecht definierte. Für Frauen gab es lediglich zwei anerkannte Ausnahmen: Sie durften als Opfer oder Märtyrerinnen die Stimme erheben oder wenn es darum ging ihr Heim, ihre Kinder, ihren Ehemann oder die Interessen anderer Frauen zu schützen.

Mit anderen Worten: In Extremsituationen dürfen Frauen ihre eigenen, speziellen Interessen öffentlich vertreten, es ist ihnen aber nicht erlaubt, für die Männer oder das Gemeinwesen als Ganzes zu sprechen.“

Frauen & Macht, S. 24

Glaubt man der antiken Literatur, auf die bis heute unsere Rhetoriktechniken zurückgehen, waren Frauen schon aufgrund ihrer Stimme nicht dafür geeignet öffentlich zu sprechen. Während die tiefe Tonlage auf männlichen Mut hindeutet, bedeutet die hohe Tonlage weibliche Feigheit. Auch heute noch wird die weibliche Stimme nicht mit Autorität in Verbindung gebracht. Auch heute noch werden Reden von Frauen in der Öffentlichkeit hauptsächlich dann akzeptiert – und auch das nicht immer – , wenn Frauen ihre eigenen Interessen vertreten oder als Opfer sprechen. Als Beispiele führt Mary Beard die berühmten Reden der britischen Feministin Emmeline Pankhurst an sowie Hillary Clintons Ansprache bei der UN-Weltfrauenkonferenz in Peking. Die Autorin betont, dass es wichtig ist, dass Frauen sich für die Rechte von Frauen einsetzen. „Aber es bleibt eine Tatsache, dass der öffentlichen Rede von Frauen diese ‚Nische‘ seit Jahrhunderten zugewiesen ist.“ (S. 34)

Frauen in „männlichen“ Domänen

Insgesamt ist es für Frauen schwer, außerhalb der „weiblichen“ Bereiche Gehör zu finden. Mary Beard ist sich sicher, dass es für eine Politikerin sehr viel schwerer ist, Finanzministerin zu werden als Gesundheitsministerin. Mit massivem Widerstand hat eine Frau auch dann zu rechnen, wenn sie traditionell männliche Gebiete (z. B. Fußball) betritt. Die Autorin verweist hier auf die Journalistin Jacqui Oatley, die als erste Frau Kommentatorin bei der BBC-Fußballsendung Match of the Day wurde. Der Shitstorm, der über sie hereinbrach, war ähnlich heftig, wie bei Claudia Neumann, die 2018 für das ZDF einige Spiele der Fußball-WM kommentierte und dafür in den sozialen Medien wüst, dumm und vor allem sexistisch beschimpft wurde.

Diese Einstellungen, Annahmen und Vorurteile sind fest in uns verankert: nicht in unserem Gehirn […] wohl aber in unserer Kultur, Sprache und jahrtausendelangen Geschichte.“

Frauen & Macht, S. 39f

Deshalb plädiert Mary Beard dafür, der Frage nachzugehen, „[…] wie wir gelernt haben, die Beiträge von Frauen wahrzunehmen, […] wie wir uns die Prozesse und Vorurteile stärker bewusstmachen können, aufgrund deren wir […] nicht zuhören.“ (S. 40) Sie sagt, dass es wichtig ist, über die Regeln unserer rhetorischen Handlungen nachzudenken und zu hinterfragen, wie und warum wir Autorität so wahrnehmen, wie wir es tun.

Frauen an der Macht

Im zweite Kapitel von Frauen & Macht geht Mary Beard verschiedenen Fragen nach: Was verstehen wir unter weibliche Macht? Wie betrachten wir Frauen, die Macht ausüben (wollen)? Welche kulturellen Grundlagen liegen der Frauenfeindlichkeit – in der Politik und am Arbeitsplatz zugrunde? Wie äußert sich die Frauenfeindlichkeit? Warum sind Frauen nach unseren konventionellen Definitionen von der Macht ausgeschlossen?

Obwohl es, wie auch die Autorin nachdrücklich betont, heute mehr Frauen in Machtpositionen in Politik und Wirtschaft gibt, stellt sie fest, dass „unser mentales, kulturelles Modell einer mächtigen Persönlichkeit weiterhin eindeutig männlich“ (S. 56) ist. Und sie nimmt sich selbst von dieser Betrachtungsweise nicht aus. Warum? Weil wir eben kein Modell für das Erscheinungsbild einer mächtigen Frau haben. Frauen, so Mary Beard, werden immer so wahrgenommen, als würden sie außerhalb der Macht stehen.

Das kulturelle Muster

Wenn wir den Frauen […] zu ihrem Platz innerhalb der Machtstruktur verhelfen wollen, müssen wir intensiver darüber nachdenken, wie und warum wir so denken, wie wir es tun. Wenn es ein kulturelles Muster gibt, das Frauen von der Macht fern hält, wie genau sieht es aus, und woher haben wir es?

Frauen & Macht, S. 60f

Auf der Suche nach dem kulturellen Muster geht die Autorin erneut zurück in die Antike. In der griechischen Mythologie und in den griechischen Erzählungen gibt es auf den ersten Blick viele starke weibliche Charaktere: beispielsweise Klythaimnestra, Medea, Lysistrata oder Penthesilea und ihre Amazonen. Sie sind jedoch keine Vorbilder, sondern werden meist als Personen dargestellt, die die Macht missbrauchen und/oder sich diese widerrechtlich angeeignet haben. Die Folge sind Chaos, Tod und Zerstörung. Deshalb müssen diese Frauen entmachtet und wieder auf ihren Platz verwiesen werden.

Medusa und Perseus

Mary Beard führt das an einigen Beispielen aus. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Sage von Medusa, da ihre Symbolik noch in der Gegenwart Verwendung findet. Medusa, eine außerordentliche schöne junge Frau, wurde, nachdem sie mit Poseidon in einem Tempel der Athene – die nach der antike Vorstellung eigentlich keine Frau ist – Sex gehabt hatte (oder – je nach Version – vom Gott vergewaltigt wurde), zur Strafe von Athene in ein Ungeheuer mit Schlangenhaaren verwandelt, das jeden der es ansah in Stein verwandelte. Letztendlich gelang es Perseus, einem der berühmtesten Helden der griechischen Mythologie, Medusa zu enthaupten.

Für Mary Beard zeigt sich hier eindrucksvoll „die Dominanz des Männlichen gegenüber der unrechtmäßigen Macht der Frau“ (S. 74) und für sie steht fest, dass der „[…] Ausschluss der Frauen von der Macht kulturell sehr tief verankert ist, […] [ und] dass die klassischen Methoden, diesen Ausschluss zu formulieren und zu rechtfertigen“ (S. 77) immer noch funktionieren. Denn bis in die heutige Zeit wird auf die Geschichte von Medusa und Perseus als „kulturelles Symbol gegen die Macht der Frauen“ (S. 76) Bezug genommen und das nicht nur in Kunst und Literatur, sondern gerade auch in der Politik.

Statue von Cellini, Medusa und Preseus
Perseus mit dem Haupt der Medusa von Benvenuto Cellini,
Piazza della Signoria in Florenz

Im US-Wahlkampf 2016 wurde die Darstellung eines siegreichen Donald Trumps als Perseus, der den abgeschlagenen Kopf der Medusa Hillary Clinton in der Hand hält, auf T-Shirts, Aufklebern, Kaffeebechern und Taschen vermarktet. Auch Darstellungen von Angela Merkel als Medusa finden sich im Internet. Wer es sich ansehen möchte: Einfach mal die Stichworte „Trump, Clinton, Medusa“ oder auch „Merkel Medusa“ googlen, dann wird man sehr schnell fündig.

Machtstrukturen verändern

Wie aber können Frauen nun an die Macht kommen, die ihnen seit Jahrtausenden verwehrt wird? Nicht durch die Nachahmung männlicher Verhaltensweisen, sagt Mary Beard. Auch nicht indem Frauen versuchen aus dem Status quo Kapital zu schlagen. Trotz der Errungenschaften und gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 100 Jahre hält Mary Beard auch nichts davon geduldig zu sein. Sie hat etwas anders im Sinn. Sie möchte die Machtstrukturen verändern, denn „Frauen lassen sich nicht einfach in Strukturen einpassen, die von Männern mit männlichen Vorzeichen kodiert sind.“ (S. 86). Sie fordert stattdessen dazu auf, die Macht neu zu denken, sie von öffentlichem Prestige abzukoppeln und über Macht als etwas Gemeinschaftliches nachzudenken.

Wie ich es fand

Das Buch hat mir gut gefallen. Es regt zum Nachdenken und Hinterfragen der eigenen Vorstellungen und Vorurteile an. Mary Beard belegt ihre These, dass Frauen seit Jahrtausenden der Mund verboten wird anhand zahlreicher Beispiele aus der antiken Literatur und stellt heraus, wie diese Muster und Mechanismen auch heute noch funktionieren. Sie denkt über Möglichkeiten wie diese Muster durchbrochen werden können nach, ohne hier jedoch konkret zu werden. Einige Fragen bleiben (noch) offen, z. B. welchen Anteil auch Frauen daran haben, andere Frauen von der Macht fernzuhalten
und welche – unbewussten oder bewussten – Strategien sie hierfür verwenden.

Über die Autorin

Mary Beard ist Althistorikerin und lehrt an der Universität Cambridge. Sie forscht zu verschiedenen Aspekten der antiken römischen und griechischen Geschichte, u. a. zu Sozialgeschichte und Gender. Auf BBC hat sie eine eigene historische Serie.

Beard, Mary, Frauen & Macht. Ein Manifest, aus dem Englischen von Ursula Blank-Sangmeister, Frankfurt a. M.: S. Fischer Verlag, 2018. € 12,00.
Die Originalausgabe ist unter dem Titel Women & Power: A Manifesto 2017 in London erschienen.

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