Das Fürstenhäusle, das Wohnort von Annette von Droste-Hülshoff in Meersburg erworben hat.

Auf den Spuren von Annette von Droste-Hülshoff in Meersburg

Geboren wurde Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) rund 600 Kilometer vom Bodensee entfernt in Westfalen. Dort hat die heute berühmteste deutsche Dichterin des 19. Jahrhunderts einen großen Teil ihres Lebens verbracht. In ihren letzten Jahren lebte sie jedoch auch zeitweise in Meersburg am Bodensee. Den See lernte sie nach anfänglicher Skepsis lieben und Meersburg bezeichnete sie 1844 in einem Brief sogar als “die zweite Hälfte meiner Heimat”. Ich begebe mich heute auf die Spuren, die die Dichterin in Meersburg hinterlassen hat.

Im Januar 1797 erblickte Annette von Droste-Hülshoff auf Burg Hülshoff in der Nähe von Münster als zweites von vier Kindern einer alten westfälischen Adelsfamilie das Licht der Welt. Bereits von Geburt an war sie kränklich, was ihrer Familie zeitlebens immer wieder Sorgen bereitete. Ebenso wie ihre ältere Schwester Jenny (1795-1859) erhielt sie – was eher ungewöhnlich für Mädchen damals war – eine gute Schulbildung. Ihre Liebe zur Dichtkunst entdeckte die auch musikalisch Begabte schon früh, doch bis ihr erstes Werk erschien, sollten noch viele Jahre vergehen, denn schreibende Frauen waren damals nicht akzeptiert. 

Meersburg

Schwester Jenny hatte bei einer Reise in die Schweiz 1831 auf Schloss Eppishausen im Thurgau den Forstmann und Schriftsteller Joseph Freiherr von Laßberg (1770-1855) kennengelernt. Drei Jahre später heirateten die beiden und 1838 erwarb von Laßberg das alte Schloss in Meersburg, das nun das Zuhause der Familie wurde. Noch auf Schloss Eppishausen waren die Zwillinge Hildegard und Hildegunde (1836-1909 und 1914) geboren worden. Erst drei Jahre später konnte sich Annette zu einem Besuch bei ihrer Schwester am Bodensee durchringen.  Die Anwesenheit ihres langjährigen Vertrauten Levin Schücking (1814-1883) versüßte ihr jedoch die Aussicht auf den Aufenthalt, und so machte sie sich im September 1841 auf die Reise nach Meersburg. 

Der erste Besuch in Meersburg

Zwischen 1526 und 1803 war die Stadt Meersburg am nördlichen Ufer des Bodensees die Residenz der Fürstbischöfe von Konstanz gewesen, was ihr Bedeutung, Wohlstand und ein Neues Schloss eingebracht hatte. Als Annette Meersburg 1841 zum ersten Mal sah, war es jedoch “nur noch” ein kleines badisches Städtchen mit ungefähr 1400 Einwohner*innen, die vom Weinbau, vom Fischfang und der Schifffahrt lebten. Bald lernte sie die Stadt und den Bodensee kennen und lieben. Über Meersburg schrieb sie im Dezember 1841 an ihre Freundin Elise Rüdiger:

Man lebt hier recht angenehm und überaus ungenirt, kann so viel Einsamkeit oder Gesellschaft haben als man mag.zitiert nach: Gödden, Walter, Grywatsch, Jochen: Annette von Droste Hülshoff am Bodensee. Meersburg 1998, S. 55.

Später dokumentierte sie in einem anderen Brief:

[…] der Frühling scheint so langsam zu kommen, und ich fürchte Sie treffen die Gegend noch im halben Negligee, was mich doch ärgern würde, denn sie kann süperbe Toilette machen, das kann ich Sie versichern!In einem Brief an Louise Schücking im März 1844, zitiert nach: Gödden, Grywatsch S. 29.

Bei ihrem ersten Besuch in Meersburg bewohnte Annette ein Zimmer im nordöstlichen Kapellenturm der Meersburg, in dem sie – äußerst produktiv – viele neue Texte und Gedichte verfasste. Sie genoss die Spaziergänge am Seeufer  und ihr Gesundheitszustand verbesserte sich:
[…] außerdem renne ich täglich ein paar Stunden spatzieren, und hoffe mit der Zeit so mager und behende wie eine Peitschenschnur zu werden. – der Anfang ist bereits gemacht, meine Gestalt fällt ab, und meine Brust erweitert sich – diese miraculeuse Luft weiß die Gaben verständig zu vertheilen […].In einem Brief an Elise Rüdiger im Dezember 1842, zitiert nach: Gödden, Grywatsch S. 27.

Meersburger Vergnüglichkeiten

Aus ihren Briefen ist bekannt, dass sie, trotz ihres Hangs zur Zurückgezogenheit, viele Bekanntschaften machte und an diversen Vergnügungen in Meersburg teilnahm:

[…] man ist völlig unbelästigt, kann ganz angenehmen Umgang finden, Musick, Lecture, mehr, als man erwarten konnte, und darf auch andererseits, sich zurückziehn z. B. wie ich, fast isoliert leben ohne Nachrede und picquirtes Wesen fürchten zu dürfen – das habe ich anderwärts nirgends gefunden (d. h. in einer kleinen Stadt) […]. In einem Brief an Phillipa Perasalle im August 1844, zitiert nach: Ferchl, Irene: Annette von Droste-Hülshoff am Bodensee. Tübingen 2007, S. 64

Annette besuchte Aufführungen des Liebhabertheaters, das im Rathaus auftrat und Werke zeitgenössischer Autoren spielte. Ihr Schwager war Mitglied im  Museum, einer Lesegesellschaft, die mehrheitlich Männern vorbehalten war. Hier las man die neuesten Zeitschriften, diskutiert über Gott und die Welt oder schmökerte in der Bibliothek. Aber auch Tanz, Theater und Konzerte standen auf dem Programm der Gesellschaft, die eine Weile ihren Sitz im Gasthaus Zum Bären in der Oberstadt hatte. Annette konnte dort im Frühjahr 1842 das Erscheinen ihres Romans Die Judenbuche im Stuttgarter Morgenblatt für gebildete Leser verfolgen, das den Roman in Fortsetzungen abdruckte.

Kontakte pflegte sie auch mit der Familie von Kessel – Mutter Wilhelmine und ihre beiden Töchter Marie und Friederike –, die im Neuen Schloss ihr 1838 gegründetes Mädchenpensionat führten, das sie jedoch 1842 aufgeben mussten. Auch mit den Dominikanerinnen, welche die zweite Meersburger Bildungsanstalt für Mädchen betrieben, verstand sie sich gut.  Bis Juli 1842 blieb Annette bei ihrem ersten Besuch in Meersburg und kehrte dann nach Westfalen zurück.

Die zweite Reise an den Bodensee

Im September 1843 reiste Annette erneut an den Bodensee und bezog zur Seeseite hin im südöstlichen Turm der Meersburg ihr Quartier, das sie bis September 1844 bewohnte. Die von Kessels hatten Meersburg verlassen und auch das Liebhabertheater gab es nicht mehr. Dafür besuchte Annette nun regelmäßig Theateraufführungen im Gasthaus Zum wilden Mann, in dessen Tanzstube die Wurschbauer-Truppe auftrat. 

Das Fürstenhäusle

Bei diesem Aufenthalt am Bodensee ersteigerte sie im November 1843 das von den Meersburgern sogenannte Fürstenhäusle mit seinen Rebflächen.

Das Gartenhaus, das damals hoch über Meersburg lag, wurde bis 1604 erbaut und befand sich bis zur Säkularisation im Besitz der Fürstbischöfe von Konstanz, die seit der Reformationszeit in Meersburg residiert hatten. 1803 ging es in den Besitz des Großherzogtums Baden über und stand seit 1837 zum Verkauf. Annette ersteigerte es im November 1843. In einem Brief an Elise Rüdiger schwärmte sie:

Jetzt muß ich Ihnen auch sagen, daß ich seit acht Tagen eine Grandiose Grundbesitzerin bin, ich habe das blanke Fürstenhäuschen […], nebst dem dazu gehörenden Weinberg, erstanden – und wofür? – für 400 Reichsthaler – Dafür habe ich ein kleines aber massiv aus gehauenen Steinen und geschmackvoll aufgeführtes Haus, was vier Zimmer, eine Küche, großen Keller, und Bodenraum enthält – und 5000 Weinstöcke, die in guten Jahren schon über zwanzig Ohm Wein gebracht haben, – es ist unerhört! aber Keiner wollte bieten […]. zitiert nach: Ferchl, Irene: Annette von Droste-Hülshoff am Bodensee. Tübingen 2007, S. 129 f

Annette hatte große Pläne für den Um- und Ausbau des Fürstenhäusles und die Anlage des Gartens. Verwirklichen konnte sie die meisten davon nicht mehr.

Als sie im Herbst 1846 ihre letzte Reise an den Bodensee antrat, war sie bereits schwer erkrankt und konnte ihre Räumlichkeiten auf der Meersburg kaum noch verlassen. Am 24. Mai 1848 starb Annette von Droste-Hülshoff und wurde zwei Tage später auf dem Meersburger Friedhof beerdigt. 

Annette von Droste-Hülshoff heute in Meersburg

Hildegard und Hildegunde, die beiden Töchter von Joseph und Jenny von Laßberg verkauften die Meersburg  1877 an den Altertumssammler Carl Mayer von Mayersfels (1825-1883), der ein Mittelaltermuseum einrichtete. Bis heute bewohnen seine Nachfahren die Burg. Viele Räume können jedoch ganzjährig besichtigt werden und es gibt auch ein kleines Museum über Annette von Droste-Hülshoff. 

Das Fürstenhäusle ging aus dem Besitz der Familie und ihrer Nachfahren 1960 in den Besitz des Landes Baden-Württemberg über. Heute ist hier ein Museum über Annette von Droste-Hülshoff eingerichtet, das von Frühjahr bis Herbst besichtigt werden kann.

Die Stadt Meersburg veranstaltet seit 1948 jedes Jahr im Mai die Droste-Literaturtage und bietet auch eine Stadtführung über die Dichterin an.

Und drüben seh’ ich ein Wimpel wehn
So keck wie eine Standarte,
Seh auf und nieder den Kiel sich drehn
Von meiner luftigen Warte;
O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff,
Das Steuerruder ergreifen,
Und zischend über das brandende Riff
Wie eine Seemöwe streifen. aus: Annette von Droste-Hülshoff, Am Turme, 1842

Zum Weiterlesen

Barbara Beuys: Blamieren mag ich mich nicht. Das Leben der Annette von Droste-Hülshoff, Berlin 2021 (6. Auflage).
Irene Ferchl: Annette von Droste-Hülshoff am Bodensee. “Die zweite Hälfte meiner Heimat…”, Tübingen 2007 (2. Auflage).
Walter Gödden, Jochen Grywatsch: Annette von Droste-Hülshoff am Bodensee. Ein Reiseführer zu den Droste-Stätten in Meersburg und Umgebung, Meersburg 1998.

Lebensdaten

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